Kivelingshaus

 
Schon lange war der Bürgersöhne-Aufzug bestrebt, im Bereich der Lingener Altstadt ein vereinseigenes Haus zu erwerben. Weltkriege, Währungsreform und andere Rückschläge haben dieses Vorhaben zunächst vereitelt. So wird im Protokollbuch der Kivelinge von 1928 bis 1947 von der Vorstandssitzung am 10. Februar 1930 berichtet:
„Die Tagsordnung umfasste nur einen Punkt, war aber äußerst vertraulich. Es handelte sich um den Ankauf des Hauses Schweizer, Am Markt, für den Bürgersöhne-Aufzug. Die Angelegenheit ist noch ungeklärt und wird später weitere Sitzungen beschäftigen müssen.“
Für die Verhandlungsführung bezüglich des projektierten Objektes wurden drei Vorstandsmitglieder benannt. Obwohl die Finanzierung des Hauserwerbs unproblematisch erschien, gab es Einwände auf Grund der geringen Raumverhältnisse der Immobilie. Im gleichen Jahr kaufte die Spar- und Leihbank das Gebäude.

In den 50er Jahren wurden die Bemühungen erneut aufgenommen. 1956 richtete der Vorstand eigens ein Sonderkonto ein, auf welches die Kivelinge Spenden einbezahlten. Die Protokolle der Versammlungen der Jahre 1959 bis 1964 belegen, dass der Bürgersöhne-Aufzug das Thema Kivelingshaus auch weiterhin intensiv diskutierte und weiterverfolgte, wobei zwischenzeitlich auch ein anderes Gebäude in Erwägung gezogen wurde.
Endlich konnte ein alter Wunsch verwirklicht werden. Der Bürgersöhne-Aufzug erwarb von der Raiffeisenbank Lingen (Ems) das im Grundbuch von Lingen Band I1 Blatt 61 eingetragene Grundstück, Gemarkung Lingen Flur 12, .Nr. 100 (Größe 61 qm) und das darauf befindliche Gebäude. Der Kaufvertrag datiert vom 25. April 1964.

Das Am Markt Nr. 8 gelegene Haus wurde nachweislich im ausgehenden 16. Jahrhundert errichtet, denn die Gestaltung des Frontgiebels mit den Formen des Volutenwerkes, ist typisch für die Spätrenaissance. Die Konturen des Giebeldreiecks sind durch einen Ortgang mit Schweifwerk aufgelöst, die Giebelspitze wird durch eine Fächerrosette bekrönt. Bestimmend sind hier, im oberen Teil nach innen und in der unteren Hälfte nach außen, aufgerollte Schneckenbänder sowie Kreissegmente.
Die Absätze der Vorderfront gliedern schmale, die Geschosse abgrenzende Horizontalgesimse. Die Rustikaquader an den Gebäudeecken sind in ihrer heutigen Ausprägung später hinzugefügte architektonische Elemente.
 

 
Die Jahreszahl 1583 im Türsturz gibt wohl das tatsächliche Entstehungsjahr an. Durch den extrem schiefen Grundriss und die Gestaltung des Giebels ist das heutige Kivelingshaus eines der markantesten Gebäude der Stadt.
 



Leider lässt sich der Erbauer heute nicht mehr ermitteln; denn erst ab Ende des 18. Jahrhunderts sind die Besitzer der Immobilie feststellbar. Nach dem Catastrum 1781 war der Eigentümer des Hauses 134 (heute „Am Markt“ Nr. 8) Johan Hindrich Mestemaker, Fassbinder aus Haren, der 1774 das Lingener Bürgerrecht erhielt. Es folgte Schneidermeister Johann Heinrich Heidemeyer, wofür es einen Nachweis von 1820 gibt. Von ihm erwarb 1847 Bernhard Roth aus Biene das Haus für 585 Reichstaler. Knapp zehn Jahre später ging es in den Besitz des Korbmachers Friedrich Deneke für 1500 Gulden über. Dessen Tochter heiratete den Klempnermeister Adolf Schweizer, wodurch diese beiden ab 1893 Eigentümer wurden. Von deren Erben kaufte es 1930 die Spar- und Leihbank bis es von der Raiffeisenbank übernommen wurde. In den 1950er Jahren beherbergte es die „Drogerie zum goldenen Becher“, deren Inhaber Axel Wisniewsky war.

Als letztes Glied dieser Kette sind die Bürgersöhne Eigentümer des Gebäudes geworden. Mit dem Erwerb haben die Kivelinge auch die Verpflichtung übernommen, eines der ältesten, noch existierenden Bürgerhäuser der Stadt für die Zukunft zu erhalten. 


Von 1964 bis 1980 fanden sich immer wieder Vereinsmitglieder bereit, notwendige Reparaturen, sowie Innen- und Außenanstriche durchzuführen. Allerdings war trotz dieses Engagements die Bausubstanz so stark angegriffen, dass eine umfangreiche Renovierung und Restaurierung nötig wurde. Nach intensiven Bemühungen konnte die Renovierung des Hauses in Auftrag gegeben und Ende 1980 bis Mitte 1981 durchgeführt werden.
Zu den wichtigsten Baumaßnahmen gehörte, das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederherzustellen.
Dazu wurden sowohl die Eingangstür an ihren ehemaligen Platz in der südöstlichen Seitenwand zurückverlegt als auch zwei übergroße Ladenfenster wieder ausgebaut und durch Fenster im richtigen Proportionsverhältnis zum Bauvolumen ersetzt.

Im Inneren des Kivelingshauses trennt nun wie vor Jahrhunderten - so die Vermutung des Denkmalpflegers - eine Zwischendecke aus Eichenholz das Ober- und Untergeschoß. Außerdem wurde im Untergeschoß wieder ein Kamin eingebaut,
da dort eine früher vorhandene Feuerstelle nachgewiesen werden konnte. Die Bauarbeiten ließen eine architektonische Besonderheit im Mauerwerk des mittlerweile über 400jährigen Gebäudes erkennen. Die großen, später vermauerten Öffnungen in der Nordwestwand, deren ursprünglicher Zweck selbst durch denkmalpflegerische Untersuchungen nicht ermittelt werden konnte, sind jetzt noch in der Wandstruktur zu sehen. Nach Abschlug der Renovierungsarbeiten kurz vor Pfingsten 1981 konnte dem Verein das Haus zur Nutzung wieder übergeben werden.

Leider ist nicht viel von den ehemaligen Bewohnern des Hauses „Am Markt Nr. 8“ bekannt. Über einen von ihnen berichtet Franz Barth jr. in seinen „Erinnerungen an zwei Lingener Originale“, nämlich über den Sohn des Klempnermeisters Adolf Schweizer, auch Adolf, der das Kivelingshaus um die Jahrhundertwende bewohnte.
Sohn Adolf - ein „Pfundskerle“ - nicht nur von der Statur her, die in einem gewissen Missverhältnis zur Größe des Kivelingshauses zu stehen schien. Es heißt, dass er mindestens 1,90 m groß war. Bekannt war er wegen seines ausgeprägten Humors und seines legendären Appetits - eben ein echtes Lingener Original.
Photographien aus dieser Zeit, auf denen auch Adolf Schweizer abgebildet
ist, befinden sich in den Vereinsarchivalien.

Heute wird das Haus vor allem für Vorstandsversammlungen und Veranstaltungen der Sektionen genutzt.

[Quelle: Janssen, Alfons / Lübbers, Holger: Die Kivelinge; Seite 70]